Predigten

Mich mit den Sterndeutern stets neu aufmachen

Predigt von P. Zacharias Heyes OSB am Hochfest Epiphanie.

Liebe Schwestern und Brüder,

„da kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem.“ Dieser Satz aus dem heutigen Evangelium ist es, der dem Dreikönigsfest, der Sternsingeraktion und all dem, was wir mit dem heutigen Fest verbinden, zugrunde liegt. Ein Satz aber, in dem überhaupt nicht die Rede ist von Königen und auch nicht davon, dass es drei waren und auch nicht davon, dass sie Kaspar, Melchior und Baltasar hießen. „Sterndeuter“ kamen – so übersetzt die Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift das Wort „magoi“ des griechischen Textes des Matthäus Evangeliums. „Magoi“ – das sind „Magier“. Dieses Wort kennen wir entweder aus dem Bereich der Illusionen und der Zaubertricks. Heute sehr bekannt sind die Ehrlich Brothers, die mit ihren Shows regelmäßig große Hallen füllen und Begeisterung auslösen. Oder wir kennen „Magier“ aus der Tiefenpsychologie.

Der Tiefenpsychologe C.G. Jung hat den Begriff des Archetypen geprägt. Für ihn sind Archetypen Urbilder des Menschen, deren Aufgabe es ist, notwendige Qualitäten des Menschseins bewusst zu machen und in das eigene Leben zu integrieren.  Diesem Verständnis nach ist der Magier einer, der um das Geheimnis des Lebens eines jeden Menschen weiß. Einer, der weiß, dass das Leben jedes Menschen eingebunden ist in einen größeren Sinn- Zusammenhang; für den das Leben eines Menschen sich nicht in physischen und physikalischen Beschreibungen erschöpft, sondern der weiß, dass Welt und Kosmos und Universum einer göttlichen Ordnung unterliegen und darin jedes und jeder Bedeutung und Sinn hat. Ich könnte auch sagen: dass auf jedem Leben ein göttlicher Glanz liegt.

Zur Zeit Jesu waren Magier selbstverständlich auch Sterndeuter - wie eben die Einheitsübersetzung „Magoi“ übersetzt. Gerade in der Beobachtung der Sterne und dem Wahrnehmen, dass die Sternenkonstellationen Bedeutung für das menschliche Leben haben, erkannten sie, dass der Mensch eingebunden ist in eine große, geheimnisvolle, kosmische und göttliche Ordnung; dass das Leben einen größeren und weiteren Horizont hat als wir manchmal denken.   

Normalerweise ist das Deuten von Sternen etwas, was wir maximal aus den Horoskopen in den Zeitschriften kennen, die wir im Wartezimmer des Arztes lesen. Ansonsten aber ordnen wir es doch eher in die Esoterische Sparte ein.

Und tatsächlich müssen wir fairerweise sagen, dass diese Magier aus dem Osten sich jeglicher katholischer Einordnung und Festlegung entziehen. Welchen Glaubens sie waren, wissen wir nicht, aber es werden keine Juden gewesen sein. Und alles, was wir ihnen heute zuordnen, ist christliche, katholische Tradition und Festlegung und Interpretation – hält aber dem biblischen Befund nicht stand. 

Aber gerade deshalb sind diese Magier so spannend. Weil sie mit ihrem Aufbruch nach Betlehem deutlich machen, dass dieser König eine Bedeutung für die ganze Welt, für den gesamten Kosmos, das gesamte Universum hat und eben nicht nur für die Juden oder für uns heutige Christen; sie gehen mit ihrer Weltsicht und – deutung weit über diesen Horizont hinaus. Und tatsächlich ist doch dieser König Jesus, zu dem sie ziehen, einer, der später davon sprechen wird, dass da ein Gott im Himmel ist, der „ABBA“ ist – Vater und auch Mutter, dem der Mensch vertrauen kann und darf. Einer, der sich jedem Menschen mit liebender Aufmerksamkeit zuwendet und zeigt, dass Gottes liebende Aufmerksamkeit jedem gilt und dass keine/r nur zufällig hier ist. Auf jedem Leben liegt der magische Glanz eines göttlichen Sinns.

Wir Mönche haben gestern Abend in unserer Vigil zum heutigen Fest den wunderbaren Text von Karl Rahner über diese Magier und Sterndeuter gehört. Sie, so sagt er, brechen auf und ziehen vorbei an den Menschen hin zu einem Ort, den der Stern Ihnen weist. Auf diesem Weg werden sie kritisch beäugt von den Menschen, die am Wegesrand und in ihren Häusern – Zitat - ´“ernsthaft dumm in ihren Alltagsgeschäften versunken sind“.

Das kennen wir doch alle: in unseren Alltagsgeschäften versunken, vielleicht sogar gefangen sein. In der Routine des Alltäglichen. Fragt man ältere Menschen, wie es geht, dann sagen sie: es muss; fragt man, wies es läuft, hört man; „es läuft“. Man spürt ganz deutlich: sie leben so vor sich hin.

Der Jugend, liebe Schwestern und Brüder, ordnen wir eine andere Dynamik zu. Zur Jugend gehört das Begeistert-Sein von etwas,  das Gefühl „ich will die Welt erobern und verändern“; man hat eine Vision von dem eigenen Leben und von der Veränderung der Welt. Ich erinnere mich an meine eigene Jugend, in der gerade die Abrüstung aktuell war, und wir Jutetaschen trugen mit der Aufschrift: „Frieden schaffen ohne Waffen“.  Im Nachklang des Konzils gab es auch bei uns Jugendlichen ein echtes Interesse an dem konziliaren Prozess von „Gerechtigkeit Frieden, Bewahrung der Schöpfung“; wir träumten den Traum einer Geschwisterlichen Kirche und solidarisierten uns mit der „Theologie Befreiung“ in Lateinamerika.

Aber ganz oft geschieht es, dass irgendwann in unserem Leben aus dem Schwung der Jugend; aus dem Gefühl, die Welt aus den Angeln heben zu können; wird aus einer Vision ein Alltagstrott - alltägliche Routine.   Und aus unserer großen Liebe, die zu finden, uns überglücklich gemacht hat, hat sich alltägliches, entzaubertes Nebeneinander her leben entwickelt.

In seinem Text spricht Karl Rahner auch von den Gaben, die die Sterndeuter mit auf ihren weg nehmen, um sie dem neu geborenen König zu schenken. Er spricht vom Weihrauch der Sehnsucht, von der Myrrhe der Schmerzen und vom Gold der Liebe. Es würde zu weit führen, die Symbolik all dieser Gaben auszuführen. Erwähnt sei hier der Weihrauch - Symbol der heilenden Gegenwart Gottes. Von der Sehnsucht nach diesem Gott sind die Könige getrieben. Sie brechen auf, machen sich auf den Weg, weil sie beim Erblicken des Sternes sich intuitiv in ihrem Innersten angesprochen fühlen und ihre Sehnsucht aufbricht. Sie folgen ihrem Stern. Die Frage ,die sich stellt, ist: Welchem Stern in meinem Leben folge ich? Wo ist ein neuer Aufbruch notwendig? Wo ist meine Ahnung, dass mein Leben etwas Besonderes ist, dass ein göttlicher Zauber auf ihm liegt, hingekommen? Welche Vision für mein Leben hatte ich einmal und was ist aus ihr geworden? Welche Lebensspur ist es, die ich in diese Welt einzugraben habe? Welches ist mein Sinn im großen ganzen Schöpfungsplan Gottes?

Ich erinnere mich an die Geschichte dieses Klosters - wie hier nach unserer Wiederbegründung Anfang des 20. Jahrhunderts. die Mönche erfüllt warten von der Vision des Kirchbaus und alle miteinander daran gearbeitet habe. Dann kam die große Phase der Mission in den fünfziger sechziger siebziger Jahren – Aufbau des Reiches Gottes in Tansania; Hilfe für die Menschen dort;  mit der Herausforderung, Afrikaner, die Mönche werden wollten, in die dortigen Gemeinschaften zu integrieren. Heute stehen wir Mönche vor der Frage:  Was ist heute unsere Aufgabe, unsere Vision, unser Sinn, unser Ziel? Welcher Stern will uns führen und leiten? Wo und wie lass ich mich neu in Flammen setzen, neu meine Sehnsucht entzünden – wir als Gemeinschaft, aber auch jeder sich persönlich? Wo bin ich zu sehr eingesunken in den Trott?  

Noch einmal komm ich zurück auf unsere Sterndeuter. Sie waren Magier, Astrologen, Esoteriker. Ohne Namen ohne Titel ohne Krone ohne Heiligenschein – ohne dass man sie festlegen konnte. Aber sie waren Menschen, die ihrem Stern gefolgt sind, die den Weg zum Wesentlichen gefunden haben - durch Intuition und durch den Mut, der inneren Weisung zu folgen. Darin sind sie mir Vorbild: Mich stets neu aufzumachen, das Wesentliche meines Leben zu finden, meiner eigenen Intuition zu trauen, meiner eigenen inneren göttlichen Weisung zu folgen. Und so den Sinn meines Lebens, den Zauber, der auf ihm liegt, den göttliche Glanz neu und immer mehr zu entdecken und zum Strahlen zu bringen. Amen.

Sonntagsimpulse von P. Anselm Grün

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