Predigten

Keiner kann allein Segen sich bewahren

Fastenpredigt von Abt Theodor Hausmann am 2. Fastensonntag in der Abteikirche Münsterschwarzach.

1. Jeder ein Evangelium

Jesus stieg auf einen Berg und rief die zu sich, die er erwählt hatte, und sie kamen zu ihm. Und er setzte zwölf ein, die er bei sich haben und die er dann aussenden wollte, damit sie predigten und mit seiner Vollmacht Dämonen austrieben. Die Zwölf, die er einsetzte, waren: Petrus - diesen Beinamen gab er dem Simon -, Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und Johannes, der Bruder des Ja-kobus - ihnen gab er den Beinamen Boanerges, das heißt Donnersöhne -, dazu Andreas, Philippus, Bartholomäus, Matthäus, Thomas, Jakobus, der Sohn des Alphäus, Thaddäus, Simon Kananäus und Judas Iskariot, der ihn dann verraten hat. (Markus 3,13 – 19) Evangelium unseres Herrn Jesus Christus.

Schwestern und Brüder im Glauben!
Ist dieser Text ein Evangelium, wie es die Formel nahelegt, die wir routiniert verwenden, wenn diese Perikope im Rahmen einer Eucharistiefeier verkündet wird?
Diese Frage hat mich mehrere Jahre beschäftigt. Ich habe diesen Abschnitt aus dem 3. Kapitel des Markusevangeliums eigentlich immer eher als Zeugnis der neutesta-mentlichen Zeitgeschichte gehört, ihn eher als Information denn als Frohe Botschaft verstanden. Natürlich bedeuten uns diese Namen etwas. Wir bekennen uns im Glaubensbekenntnis ausdrücklich zur „apostolischen Kirche“. In jedem unserer Kirchenräume gibt es Erinnerungsorte für diese Apostel, die Apostelleuchter. Aber kann die Aufzählung ihrer Namen uns heute tatsächlich Evangelium sein?
Mir ist aufgegangen, warum dieser Text Evangelium ist, als ich erstmals die Aufgabe hatte, vor den Brüdern meiner Klostergemeinschaft ein geistliches Wort zu sprechen. Wir alle hatten damals manche unserer Gesprächsbeiträge aus den Beratungen unserer Gemeinschaft der hinter uns liegenden Monate im Ohr. Wir standen in einer intensiven und anstrengenden Auseinandersetzung um den Weg unserer Gemeinschaft.
Meine Brüder hatten mich gebeten, das Amt der Leitung zu übernehmen, die Gemeinschaft und jeden einzelnen Bruder in den Blick zu nehmen und ihn im Blick zu behalten und vor allem als „Anwalt des Evangeliums“ den Blick auf den hin offen zu halten, der uns gerufen hat. An dieser Schnittstelle hatten wir gemeinsam eine klösterliche Bußfeier – und ich sollte versuchen, unsere Situation vom Evangelium her zu deuten.
So ist das, auch unter uns Christen, in Klöstern, in Gemeinden und Familien, in Bistümern und unter den christlichen Kirchen weltweit. So ist das in unserer Gesellschaft zwischen Interessengruppen, politischen Akteuren, unter den Generationen, zwischen Männern und Frauen. Jeden Tag lassen sich neue Beispiele finden. Ein Wort gibt das andere, Missverständnisse, Verletzungen. Menschen leiden, werden sprachlos, rechnen eigene und fremde Schuld auf und am Ende rechnen sie mit allen ab! Trennung, Scheidung, Austritt, Religionskriege, Amoklauf … -es gibt viele Eskalationsstufen der Verzweiflung und Ratlosigkeit. Wir spüren die Heillosigkeit unserer Lage: Keiner kann allein Segen sich bewahren.
Für diese Bußfeier in meiner Klostergemeinschaft ein deutendes Wort finden, ich war in Verlegenheit. Ich wollte nicht erneut den Kreislauf fruchtloser Auseinandersetzungen in Gang setzen, auch nicht mit dem Appell zur Versöhnung, auch nicht mit dem Hinweis auf den Anteil an Schuld, den jeder immer mit- und beiträgt. Im Grunde wissen wir es ja immer alle, selbst dann, wenn wir es nicht aussprechen können oder wollen.. So ist das zwischen Völkern und Staaten, Kirchen und Individuen. Wir wissen nur zu genau: Keiner kann allein Segen sich bewahren. Bloß wie kommen wir über die aufgerissenen Gräben, wie springen wir über die Schatten unserer Geschichte und Geschichten, der Kirchengeschichten, der Spal-tungen und Verletzungen?
Da stoße ich beim Lesen im Evangelium genau auf diese Stelle. Und auf einmal konnte ich sie neu sehen. Zwölf Namen, Männer mit sehr unterschiedlichen Bi-ographien. Ein Zöllner und Zeloten, zwei mit dem Beinamen „Donnersöhne“, Draufgänger, Schlägertypen müsste man das wohl übersetzen. Sie begegneten sich mit geballter Faust in der Tasche, sie wünschten sich den jeweils andern zum Teufel. Ihre Sprache war oft genug die der Gewalt und sie beanspruchten dafür auch noch Gott. Jedenfalls so, wie sie ihn verstanden. Auch das gehört zu unserem Glauben an die apostolische Kirche, eine spannungsgeladene Realität: Keiner kann allein Segen sich bewahren.

2. Er ruft – erwählt – setzt ein – will bei sich haben

Und jeden einzelnen spricht Jesus an, ruft ihn, erwählt ihn, setzt ihn ein, will ihn bei sich haben. Mit diesen Worten beschreibt Markus, was da geschieht – und diese Worte sind nicht nur ein Bericht. Sie sind Evangelium: denn wo mich jemand anspricht, ruft, mir einen Platz gibt und mich bei sich haben will, da werde ich als Mensch gesehen. Da bin ich nicht nur in einer Rolle, da bin ich nicht nur eine Figur auf dem Schachbrett der Geschichte. Da geschieht mir Evangelium.
Der Anruf löst nicht einfach alle Spannungen auf, damals nicht und heute nicht, aber es bringt konstruktive Kräfte ins Spiel.
Ich schaue auf Jesus, wie er mit Menschen umgeht. Ich sehe ihn als einen, der staunen kann über die Geschichte und die manchmal verwickelten, aber immer geheimnisvollen und deshalb Staunen erregenden Geschichten, die Gott mit Menschen schreibt.
Jesus hat ein Gespür dafür, weil er selbst Akteur einer staunenswerten Geschichte Gottes ist, weil er als „Freund Gottes“, als „Sohn Gottes“ in seine Geschichte einwilligt, die Gott mit ihm schreibt. Die Menschen, die ihn erleben, sind überzeugt: in ihm ist Gott selbst unter da! Er ist ein Segen für mich und für unsere Welt!
Aber Jesus bewahrt seinen Ruf nicht für sich. Er weckt in diesen zwölf Männern das Gespür, dass auch sie Segen sein können, indem er sie anspricht, jeden einzelnen ruft, sie bei sich haben will. Er ruft sie, jeden Einzelnen und alle gemeinsam in ihrer Vielfalt, Gegensätzlichkeit und Widersprüchlichkeit. Die werden nicht verschwiegen, überspielt, sondern ausdrücklich im Evangelium benannt. Sie bleiben bestehen, aber eingeordnet: Ich bin so gewollt – ich bin gesegnet.
Das ist unser Erbe, unser „depositum fidei“, der Schatz unseres Glaubens: Ich bin von Jesus gewollt. Er will mich bei sich haben. Das ist kein Schatz, den ich in einer Schatzkiste verwahren kann, er will ins Spiel gebracht werden. Er will weitergereicht werden. In größte Gefahr, verloren zu gehen, Schaden zu nehmen, gerät er, wenn ich ihn nur für mich behalten will. Er will mitgeteilt, geteilt und ausgesetzt werden. Das gilt für mich und jeden Menschen, den Jesus ruft. Das ist unsere Verpflichtung, für diese Botschaft einzustehen. Es ist der Preis unserer „Apostolizität“ und unsere Chance als Christen heute. Wir sind gerufen, miteinander als unser Evangelium zu entdecken, dass jeder von uns gerufen ist. Der große Bischof Augustinus formuliert es in der Betrachtung zu Psalm 133 (132): „Ob sie wollen oder nicht, sie sind unsere Brüder. Nur dann werden sie aufhören, unsere Brüder zu sein, wenn sie aufgehört haben, zu sprechen: 'Vater Unser' (Augustinus, In Psalmos 132, En. 29, zit. nach Ad Petri Cathedram, Enzyklika von Johannes XXIII. über die Förderung der Wahrheit, der Einheit und des Friedens im Geiste der Liebe, 29.6.1959, Nr. 45, in http://www.theologische-links.de/downloads/oekumene/ad_petri_cathedram.html).

3. Keiner kann allein Segen sich bewahren

Die Initiative Jesu wird weiter beschrieben: er will uns aussenden, er will, dass wir predigen, er will uns, dass wir Dämonen austreiben. Wir dürfen nicht nur für uns bei ihm bleiben wollen, als Glaubende, als Klöster, als Gemeinden, als Kirchen.
Wir können seinen Segen nur bewahren, indem wir ihn weitergeben. Sie wissen, ich komme aus Augsburg. Meine Heimatstadt ist verbunden mit den Auseinandersetzungen von Martin Luther und Kardinal Cajetan (1518). Er schlägt Martin Luther in die Flucht. Die Tragik ist, dass keiner von beiden den Blick für Anderen hat, wie Gott in dessen Leben wirkt, mit ihm seine Geschichte schreibt. Im „Augsburger Religionsfrieden“ (1555) werden zwar bahnbrechende juristische und politische Fortschritte erzielt hin zu mehr Respekt für den Anderen. Aber in der Parität leben neben dem zugestandenen Kompromiss immer auch fort der Verdacht gegen den Anderen und die Verachtung für ihn. Lange dachten die Christen, wenn sie es sich nur wünschten und Gott darum bäten, dann würde die jeweils andere Seite verschwinden. Welch ein langer Lernprozess zurück zum Evangelium, dem Anderen zuzugestehen, dass Gott mit ihm seine Geschichte schreibt, die ich nicht einmal verstehen muss, über die ich nur staunen kann! Darum scheint es mir wesentlich zu gehen, auch in diesem Gedenkjahr. Und dieses Staunen befreit uns, führt uns über Grenzen hinaus ins Weite, aus den selbstgewählten Abgrenzungen und Ängsten. Es befreit uns, uns senden zu lassen. Es ermutigt uns, von diesem Gott und seinen Geschichten mit Menschen zu erzählen. Es hilft uns, in seiner Vollmacht die Dämonen der Verachtung, des Hasses und der Gewalt, des religiös begründeten Terrorismus auszutreiben.
Wir tun es nicht aus eigener Vollmacht, sondern mit der Bitte und in der Hoffnung: Komm, Herr, segne uns … Nie sind wir allein, stets sind wir die Deinen.

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