Predigten

Frieden gabst du schon, Frieden muss noch werden

Fastenpredigt von Regionalbischöfin Gisela Bornowski am 3. Fastensonntag in der Abteikirche Münsterschwarzach.

Frieden gabst du schon, Frieden muss noch werden,
wie du ihn versprichst uns zum Wohl auf Erden.
Hilf, dass wir ihn tun, wo wir ihn erspähen,
die mit Tränen säen, werden in ihm ruh‘n.

Liebe Schwestern und Brüder in unserem Herrn Jesus Christus!

„Ökumene im Dialog“ ist das Motto Ihrer Fastenpredigten hier in Münsterschwarzach. Heute in besonderer Weise mit dem Thema „Frieden“.
Die Spaltung der Kirchen vor 500 Jahren hat bekanntlicherweise zu viel Unfrieden geführt. Es wurden Glaubenskriege geführt, Menschen aus ihrer Heimat vertrieben, gefoltert oder auch getötet. Auf beiden Seiten wurde viel Unrecht getan. Kardinal Walter Kasper hat es beim Neujahrsempfang der Diözese Bamberg vor einigen Wochen so beschrieben:
„Reformation ist ein komplexer Prozess. Einseitige Schuldzuweisungen helfen nicht weiter. Ein gerütteltes Maß an Schuld liegt auch auf der katholischen Seite. Rom und die damaligen Bischöfe haben den Weckruf Luthers zur Umkehr und Reform nicht gehört. Luther selbst hat sich von der Begeisterung der Massen forttragen lassen, und weil Papst und Bischöfe sich verweigert haben, hat er ein Kirchen- und Sakramentsverständnis entwickelt, das ganz auf das allgemeine Priestertum aller Gläubigen aufgebaut war und auch ohne Papst und Bischöfe auskam. Das war der Bruch mit der kirchlichen Tradition. Luther sah im Papst immer mehr den Antichrist und sich in den Endzeitkampf zwischen Gott und Teufel hineingezogen. So waren kein Dialog und Verständigung mehr möglich. Die Reformation wurde zunehmend auch eine Fürstenreformation und damit ein politischer Vorgang.“
In den folgenden Jahrhunderten des Konfessionalismus wurden die Unterschiede mehr und mehr festgeschrieben. Das führte zu gegenseitiger Verketzerung und Verhetzung.
Was das bis in die Gegenwart hinein für Blüten treibt, kennen wir alle:
Es gab sogar in den kleinsten Dörfern konfessionelle Schulen, damit die Kinder ja nicht zusammenkamen. Frauen mittleren Alters erzählten mir letzte Woche, dass sie als Kinder nicht mit den Kindern der anderen Konfession spielen durften. An Fronleichnam wurde von den Evangelischen Mist gefahren, und am Buß- und Bettag von den Katholischen. Eine Heirat zwischen evangelischen und katholischen war ein Skandal und die jungen Leute konnten ihre Liebe nur mit viel Mühe, Heimlichkeiten und Familienstreit durchhalten.
Und im katholischen Religionsunterricht, so erzählte ein katholischer Mitbruder, wurde den Kindern beigebracht, man dürfe bei der Trauerfeier beim Tod eines Verwandten oder Bekannten in der anderen Kirche zwar physisch anwesend sein, aber kein Gebet, auch nicht das Vaterunser gemeinsam sprechen und bei keinem Lied mitsingen.
Und wahrscheinlich hat es solche Anweisungen auch bei uns Evangelischen gegeben.

Gott sei Dank hat sich das alles gründlich geändert. In katholischen Gottesdiensten werden auch viele Lieder gesungen, die auf Luther zurückgehen. Und wir Evangelischen haben die Osterkerze und die Taufkerze eingeführt, weil auch wir gelernt haben, wie wichtig Symbole sind. Konfessionsverbindende Ehen sind normal geworden und lebbar. Es gibt viele ökumenische Begegnungen und Gottesdienste – so wie heute.
Unsere Kinder können sich diese Zwistigkeiten aus der Vergangenheit schon nicht mehr vorstellen.

Frieden gabst du schon, Frieden muss noch werden.
Christus ist unser Friede – so heißt es im Epheserbrief. Er hat uns den Frieden gebracht und die Einheit in seinem Leib. Er ist auf die Erde gekommen, hat das Reich Gottes verkündet, so ist das Reich des Friedens, der Gerechtigkeit und der Liebe mitten unter uns angebrochen. Das hat Jesus in seinen Predigten und Gleichnissen verkündigt und durch seine Wunder und Zeichenhandlungen verdeutlicht. Er feierte das Heilige Mahl am Abend vor seinem Tod, mit allen, die versammelt waren, auch mit einem Petrus, der ihn kurz darauf verleugnete und mit einem Judas, der ihn an die Staatsmacht verriet. Er machte damit deutlich, wie groß und stark seine Liebe zu uns Menschen ist. Und zum Abschied hat er an diesem Abend sozusagen als sein Vermächtnis gesagt: „Ich bitte für sie, damit sie alle eins seien. Wie du Vater in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.“ (Johannes 17, 21). Er ging seinen Weg zu Ende bis nach Golgatha, wo er für seine Überzeugung und für seine Sendung Leiden und Tod auf sich nahm. Dass Gott ihn von den Toten auferweckte, ist uns Zeichen dafür, dass Gottes Friede kein Ende hat, dass dieser Friede schon da ist, lebendig. Er wirkt mitten unter uns.
Frieden gabst du schon, Friede muss noch werden, wie du ihn versprichst uns zum Wohl auf Erden.
Der Friede ist schon da, die Einheit ist schon Wirklichkeit in Christus, und
doch erleben wir auch, dass Friede und Einheit im Glauben sich noch nicht durchgesetzt haben.
Uns als seinen Nachfolgern ist es aufgetragen, diesen Frieden in die Welt zu tragen.
Wir sollen Frieden stiften, dann werden wir Gottes Kinder heißen, so sagt er in der Bergpredigt.

Frieden zu stiften, gehört mit zu den vornehmsten, aber auch schwierigsten Aufgaben, die man haben kann. Schnell steht man im Großen wie im Kleinen vor schier unlösbaren Aufgaben. Dazu fallen uns viele Beispiele ein. Denken Sie an den Konflikt in Syrien, oder zwischen Israel und Palästina. Wie viel wurde schon versucht. Immer wieder setzen wir große Erwartungen in die Friedensstifter und Vermittler auf dem internationalen Parkett. Wenn wir auf die innenpolitische Situation in unserem eigenen Land oder in Europa denken, ist es nicht anders. Viele haben Angst davor, dass sich unser Land spaltet, dass Europa auseinanderfällt. Wie gehen wir richtig um mit den vielen Flüchtlingen, die zu uns kommen? Wie werden wir den Menschen in unserem Land gerecht? Wie können wir die Ängste der Bevölkerung ernst nehmen und doch offen bleiben für die Not anderer? Der Protest und auch die Hetze von rechts wachsen. Was können wir der Ausländerfeindlichkeit und dem Rechtspopulismus wirksam entgegen setzen?
Schwierige Fragen, auf die es keine leichten
Antworten gibt. Oft können wir die unterschiedlichen Standpunkte gleichermaßen verstehen.
Nicht weniger kompliziert ist es, wenn zwischen Nachbarn oder Verwandten oder in der eigenen Familie nach Frieden gesucht wird. Frieden zu stiften ist sehr anspruchsvoll, oft auch undankbar. Aber genauso wissen wir: Es braucht Friedensstifter: Vermittler, Moderatoren und Mediatoren bei Konflikten. Es braucht Leute, die bei den Streithähnen Verständnis für die Gegenpartei erwirken, die Vorschläge für eine gütliche Einigung haben, die gut hinhören, was die Konfliktparteien wirklich antreibt und wo Möglichkeiten sind, aufeinander zu zugehen. Es braucht Menschen, die um des Friedens willen vielleicht auf ihr gutes Recht verzichten, die einen Schritt auf den anderen zugehen können und die Hand ausstrecken zur Versöhnung.
Und auch kirchlicherseits beklagen doch viele Menschen, dass wir noch nicht gemeinsam das Heilige Mahl feiern können am Tisch des Herrn. Nicht überall gelingt Ökumene, auch wenn es viele hoffnungsvolle Aufbrüche gibt.
Am Freitagabend hat mir eine junge Frau eine traurige Geschichte erzählt. Ein katholischer Mann, der in einer evangelischen Familie lebte, wurde kath. beerdigt. Es wurde auch das Requiem gefeiert. Die Enkel des Verstorbenen gingen wie selbstverständlich zum Abendmahl, hielten ihre Hände auf, der Priester legte die Hostie hinein. Da wurde ihm bewusst, dass die Kinder evangelisch sind, und nahm die Hostie wieder zurück.
Und eine hoffnungsvolle Geschichte. Ein Kollege erzählte von einem ökumenischen Gottesdienst, er feierte fröhlich mit bis zur Eucharistie, wo er ausgeschlossen war. Da kam ein katholisches Gemeindeglied mit seiner Hostie zu ihm in den Altarraum, brach seine Hostie in zwei Teile und teilte mit ihm das Brot. Was für ein Moment gelebter Einheit!

Jesus preist die Friedensstifter selig. Er preist ihr Glück, er gratuliert ihnen: „Selig, glücklich, ja glückselig sind, die Frieden stiften…“. Denn sie werden Kinder Gottes genannt. Die sich um Frieden bemühen, gehören zu Gott, sind seine Töchter und Söhne, gehören zur Familie Gottes, sind seine Erben, dürfen sich ganz eng mit Gott verbunden wissen.

Jesus weiß, den umfassenden Frieden – den Schalom -, der nicht mehr zerbrechlich und anzufechten ist, kann nur Gott selbst aufrichten. Wer aber menschlichen Frieden stiftet, sich darum ernsthaft bemüht, der handelt im Gefolge Gottes. Er/sie hat bei aller Vorläufigkeit des eigenen Tuns am Friedenshandeln Gottes Anteil. Zu Recht sagt man über Menschen, die ein friedliches Zusammenleben ermöglichen, sie schickt der Himmel. Sie sind Kinder Gottes. Und das ist ihr Glück! Darum: „Selig, die Frieden stiften…“. Dazu und zu nichts weniger sind wir berufen!

„Selig, glücklich sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“
Nicht nur seinen Zuhörern damals bei der Bergpredigt, sondern auch uns ruft Jesus dieses Wort zu. Er möchte uns das Glück, mit unseren begrenzten Möglichkeiten, in unserem Umfeld Frieden zu stiften, schmackhaft machen. Er will uns ermutigen, nicht müde zu werden, den Frieden zu suchen. Er tut dies, gerade weil unsere eigene Wahrnehmung oft eine andere ist. Und weil Frieden so eine große Verheißung in sich trägt:
Gotteskindschaft, gelingendes Leben in der Nähe Gottes.

Wie geht das aber, wenn eine Situation total verfahren ist, wenn es viele Verletzungen gibt, viel Schuld, wenn Dinge geschehen sind, die nicht einfach wieder zur Tagesordnung übergehen lassen?

Franz von Assisi wird ein Gebet zugeschrieben, das Gott bittet, uns zu Werkzeugen seines Friedens zu machen: Sie alle kennen es. Gott ist der Geber des Friedens und er braucht uns, dass Frieden werden kann, selbst wenn alles dagegen spricht. O Herr, mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens, dass ich Liebe übe, wo man sich hasst, dass ich verzeihe, wo man sich beleidigt, dass ich verbinde, da o Streit ist, dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum herrscht…Es ist die Bitte darum, im Frieden leben zu können – trotzdem – trotz Hass und Streit, trotz Beleidigung, Irrtum und Unwahrheit.
Im Frieden leben – trotzdem! Frieden zu wagen – mit Gottes Hilfe und Kraft.

Das ist viel verlangt!
Meinen Frieden nicht abhängig machen vom anderen, der Unfrieden bringt, der in mir Hass erzeugt und Vergeltungsgedanken. Den Frieden nicht vom anderen fordern, sondern bei Gott suchen und damit in mir selbst. Gott wird der Friede sein. ER will uns diesen Frieden schenken, damit heilen kann, was verletzt ist, damit ein neuer Anfang möglich ist. Ihn dürfen wir darum bitten und auf Frieden hoffen. Hass schadet dem Hassenden mehr als dem Gehassten.
Christus ist unser Friede – so heißt es im Epheserbrief. Bei ihm sollen wir diesen Frieden suchen, nicht vor Gericht, nicht bei der Gegenpartei, die doch endlich einsehen muss, dass ich im Recht bin. Nein, bei Gott und dann auch in uns selbst. Denn Gott will in uns wirken, sein Geist will uns verändern.

Hilf, dass wir ihn tun, wo wir ihn erspähen, die mit Tränen säen, werden in ihm ruh‘n.
Die mit Tränen säen: Ja, wir werden nicht überall Frieden schaffen können, mancher Streit wird bleiben und uns zusetzen. Krieg und Unfriede treiben uns die Tränen in die Augen. Auch unter der Spaltung der Kirchen leiden Menschen. Die Welt ist noch nicht erlöst, wir leben noch nicht im Paradies. Und wir sind auch nicht die Retter der Welt. Unser Retter ist Christus. Das entlastet uns. Entbindet uns aber nicht, uns für Frieden und Einheit stark zu machen – im Warten darauf, dass Gottes Herrschaft sich endgültig durchsetzt.

Dankbar nehmen wir wahr, dass die ökumenischen Bemühungen uns voranbringen. Wir haben mehr gemeinsam als uns trennt. Wir glauben an den einen Gott und den einen Herrn Jesus Christus, in ihm sind wir schon heute im einen Heiligen Geist in einer Einheit. Wir sind Brüder und Schwestern in Christus, weil wir alle auf seinen Namen getauft sind.
Ökumene ist nicht Gleichmacherei oder Gleichgültigkeit gegenüber dem Glauben der anderen Kirche. Nein, das Interesse am anderen Glauben ist vorrangig. Der Dialog zielt auf gegenseitige Bereicherung. Wir sind gemeinsam auf dem Weg, um voneinander zu lernen.
Neulich sagte ein katholischer Pfarrer zu mir: Wir haben von euch die Liebe zum Wort Gottes gelernt. Auch das Priestertum aller Getauften, und die Stimme der Laien werden in der kath. Kirche inzwischen sehr ernstgenommen.
Und wir, so meine ich, haben durch unsere katholischen Geschwister die Liebe zur Liturgie und zur Würde der gottesdienstlichen Feier neu entdeckt. Auch die hohe Wertigkeit der Sakramente ist uns neu ins Bewusstsein gerückt.
Wir bereichern uns gegenseitig mit unserer Auslegung der Rechtfertigungslehre mit ihren zwei Polen: Recht vor Gott und geliebt von ihm – ohne unser Zutun, allein aus Gnade, und doch die Wichtigkeit unseres Tuns ernstnehmen. Es ist Gott eben nicht egal, was wir tun und lassen.
Auch unsere unterschiedlichen Bibelübersetzungen können uns gegenseitig bereichern: wie lautet diese Stelle in der anderen Version? Sie kann uns zu einem besseren und tieferen Verständnis des Wortes helfen.

Natürlich gibt es auch noch viel Trennendes und an manchen Stellen großen Diskussionsbedarf. Die Fragen nach der Kirche, den Sakramenten und den Ämtern in der Kirche sind noch offen. Es gibt Annäherungen, aber keine Einigung. Ich, als Frau im Bischofsamt darf heute bei Ihnen predigen – auch ein Zeichen der gegenseitigen Anerkennung und des aufeinander Zugehens. Aber auch ein Zeichen der Trennung, weil Frauen im Priesteramt in der katholischen Kirche (noch) nicht denkbar sind.
Frieden gabst du schon, Frieden muss noch werden, wie du ihn versprichst, uns zum Wohl auf Erden.
Ökumenische Zusammenarbeit und Solidarität sind heute weltweit gefordert. Wo die Welt aus den Fugen zu geraten droht, braucht es mehr denn je unser gemeinsames Zeugnis für den Frieden. Wir arbeiten zusammen für Gerechtigkeit und Frieden in der Welt – die Arbeit mit und für Geflüchtete ist ein mutmachendes Beispiel, wie über Konfessionsgrenzen hinweg den Menschen geholfen wird und ein Zeichen des Aufbruchs. Ökumene hat eine politische Dimension. Die Kirchen haben der Welt etwas zu sagen. Ihre Einheit ist ein Zeichen des Friedens und der Einheit für die ganze Welt.

Um noch einmal Kardinal Kaspar zu zitieren: „Wir haben uns 500 Jahre gestritten und uns gegenseitig auch viel Böses angetan. Aber wir sind Freunde geworden, die sich gemeinsam auf den Weg gemacht haben. Wir haben ein gemeinsames Ziel. Wie der Friede in der Welt ist auch die Einheit der Kirche kein fertiger Zustand, den man ein für allemal erreicht. Sie ist ein Weg, den man immer wieder neu gehen muss“.
In diesem Sinne suchen wir nach versöhnter Verschiedenheit in der Einheit in Christus, dessen Friede höher ist als alle menschliche Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne und schenke uns immer wieder seine große Liebe, die alle Unterschiede überwindet und uns zueinander führt. Amen

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