Predigten

Hoffnung, die der Glaube schenkt

Predigt von P. Andreas Schugt OSB an Allerheiligen.

Liebe Schwestern und Brüder,

In einer Zeit, in der es in der Regel nicht mehr möglich ist, dass Menschen sich zu einer gemeinsamen Feier treffen, sind wir hier in der Kirche versammelt, um das Allerheiligenfest zu begehen.

Die Vernunft gebietet uns, Abstand und allerlei andere Vorsichtsmaßnahmen einzuhalten, damit eine solche Feier überhaupt möglich ist. Schmerzlich erfahren in diesen Monaten, wie bedürftig wir doch nach Nähe und Gemeinschaft sind. Jetzt, wo uns weithin der vertraute Umgang miteinander genommen ist, und das in aller Konsequenz und in allen Lebensbereichen, spüren wir, wie sehr wir als Menschen aufeinander bezogen sind. Wenn Gesten der Freundlichkeit und der Freundschaft nicht mehr möglich sind, wenn Kranke nicht in Krankenhäusern besucht werden können, wird deutlich, dass es um weit mehr geht, als um eine verhinderte unbeschwerte Freizeitgestaltung.

Es geht hier überhaupt nicht darum, die Sinnhaftigkeit all der getroffenen Maßnahmen zu hinterfragen. Natürlich muss in der Gesellschaft um die angemessene Vorgehensweise gerungen werden und es in unserer pluralistischen Demokratie legitim, verschiedene Lösungen zu favorisieren.

Warum aber, wird diese Debatte von einigen Politikern mit einer solchen Härte geführt und warum kommt es zu gewalttätigen Demonstrationen gegen die getroffenen Maßnahmen?

Im März kursierte ein Cartoon der Peanuts. Charlie Brown und Snoopy sitzen auf einem Steg an einem See. Der Betrachter steht gleichsam hinter ihnen und blickt mit ihnen auf die schöne Landschaft. Charlie meint: Sagte gerade ein Virologe im Fernsehen: "Die beste Waffe im Krieg gegen das Coronavirus ist der gesunde Menschenverstand!" Snoopy antwortet: "Wir sind verloren! Die meisten von uns sind unbewaffnet." Ob Snoopy Recht behält?

Der Gebrauch des gesunden Menschenverstandes ist natürlich immer zu befürworten. Aber mit ihm allein ist es wohl nicht getan. Vielleicht ist es so, dass uns, die wir hier in Deutschland doch mehrheitlich in gesicherten Verhältnissen leben, die Pandemie unserem wohligen Lebensgefühl ein gehöriges Maß an Unsicherheit und Bedrohung beimischt.

Niemand kann sagen, wann die Pandemie überwunden sein wird. Das alles kann Ängste auslösen, die allein mit gesundem Menschenverstand nicht in den Griff zu bekommen sind. Eine solche Situation hat es schon lange nicht mehr in unserer und anderen westlichen Gesellschaften gegeben. Und in anderen Ländern und Kontinenten ist die Pandemie bei weitem nicht die einzige Bedrohung an Leib und Leben.

Wie gehen wir mit dieser sich ausbreitenden Unsicherheit um, die bei manchen bei uns sehr konkret ins Leben eingreift? Stützt sich unsere Hoffnung allein auf die Entwicklung eines dauerhaft wirksamen Impfstoffs ohne gravierende Nebenwirkungen?

Sicherlich, wir hoffen alle, dass er baldmöglichst gefunden wird.

Das Allerheiligenfest erinnert uns aber auch noch an eine andere Dimension unserer Existenz. Als Gläubige wissen wir um die Gegenwart Gottes und seine allumfassende Liebe zum Menschen. Im ersten Johannesbrief heißt es:

"Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es. … Wir sind jetzt Kinder Gottes. Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. … Wir werden ihm ähnlich sein, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Jeder, der dies erhofft, heiligt sich, so wie er heilig ist." (1Joh 3,1-3)  

Unsere Hoffnung greift also weiter aus, als die gegenwärtige Notlage.

Christliche Hoffnung wurzelt tiefer. Christliche Hoffnung gründet letztlich in der Heiligkeit Gottes, der seine überströmende Liebe in Jesus Christus offenbart hat. Unser Glaube ist mehr als eine Vertröstung auf das Jenseits, wie man es dem Christentum immer wieder vorgeworfen hat.

Freilich, der Ausblick, den uns die christliche Verheißung schenkt, ist tröstlich. Es ist das freie Handeln Gottes, das den Menschen aus seiner Todesverfallenheit rettet. Kreuz und Auferstehung Jesu sind Dreh- und Angelpunkt der Hoffnung der Gläubigen. Bei unserer Taufe erhalten wir das neue Leben, das Christus durch seine Hingabe am Kreuz und seiner Auferweckung erwirkt hat. Wir bekamen Anteil an der göttlichen Natur Christi: Wir sind Kinder Gottes.

In der Lesung aus der Offenbarung des Johannes hieß es von der großen Schar vor dem Throne Gottes, dass sie ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht hätten. Das Lamm, Christus, berief und vollendete sie.

Christen zu allen Zeiten haben aus diesem Glauben versucht, ihr Leben zu gestalten, und das oft genug trotz gewaltiger innerer und äußerer Widerstände.

Schon im 4. Jahrhundert wurde im Osten ein "Sonntag der Heiligen" gefeiert. In der frühen Kirche waren es zunächst die Märtyrer, die als Heilige verehrt wurden. Später wurde auch die Heiligkeit derer erkannt, die zwar nicht ihr Leben im Martyrium für Christus gelassen hatten, deren Hingabe aber durch ihr ganzes Leben sichtbar bezeugt wurde.

In der Heiligenverehrung wird anschaulich, wie vielfältig und ideenreich die Gnade Gottes mit dem Menschen zusammenwirkt. Jede Heiligenbiografie gibt davon Zeugnis. Der erste Gesang von uns Mönchen am heutigen Morgen lautete: "Groß ist der Herr in seinen Heiligen. Kommt und rühmt seinen Namen!"

Es geht bei der Heiligenverehrung nicht um religiösen Hochleistungssport, auch wenn manche alten Heiligenbiografien mitunter einen solchen Nachgeschmack hinterlassen können. Es geht schlicht darum, den je eigenen Weg zu gehen, von dem ich erkannt habe, dass Gott ihn mir weist.

Nur das ist notwendig: Das Wenige in meinem Leben, das ich tastend im Gespräch mit meinem Gott erkannt habe, zu verwirklichen. Zweifel, Nöte, Hindernisse und Anfechtungen fehlen wohl in den seltensten Fällen. Und da ist es gut zu wissen, dass es die Gemeinschaft der Heiligen gibt. Menschen, deren Leben von Gott schon vollendet wurde. Wir dürfen sie, weil sie in Gott vollendet sind, als Fürsprecher in Anspruch nehmen, gerade auch jetzt in dieser weltweiten Notlage. Die Heiligen wissen um unseren Weg und all unsere Herausforderungen.

Und wenn wir jetzt wieder in den Lockdown gehen, unsere Gäste abreisen müssen, weil das Gästehaus geschlossen wird, vergessen Sie bitte nicht:

Es gibt kein Beherbergungsverbot für gute Gedanken. Und es braucht auch keinen Mindestabstand menschlichen Mitgefühls, oder eine Distanzierung von einer uns möglichen guten Tat. Auch muss unsere christliche Hoffnung nicht desinfiziert werden. Sie bleibt hoffentlich stets ansteckend! Sagen wir das stets weiter und handeln auch so. Dann sind wir nicht verloren und Snoopy behält auch nicht Recht mit seiner pessimistischen Prognose!

Sonntagsimpulse von P. Anselm Grün

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