Die Taufe - ein Dauerprozess
Predigt von P. Placidus Berger OSB am 4. Fastensonntag.
Der Apostel Paulus sagt in der heutigen Lesung wir seien eine Neuschöpfung. Das Wort kommt im NT auch in anderen Formulierungen vor, wie etwa Wiedergeburt Neuheit Metanoia.
Das nächst liegende Jesus-Wort dazu steht im 3. Kapitel des Johannesevangeliums, wo Jesus einem führenden Pharisäer, der ihn bei Nacht aufgesucht hatte, auf dessen kritischer Nachfrage erklärte, wir müssten wiedergeboren werden aus „Wasser und Geist“.
Die Kirche und viele ihrer unbedarften Epigonen-Theologen taten sich immer schwer mit dem Geist. Darum haben sie sich gleich auf das Wasser gestürzt und behauptet, es bedeute die Taufe.
Nicht so die Urtheologen der Anfangszeit (wir nennen sie gewöhnlich die Kirchenväter), als die Kirche noch kein festgefahrenes System war und noch keine so aufwendigen öffentlichen Tauffeiern kannte. Denen war ein anderes Jesus-Wort wichtiger, als Jesus seine Lehre (d.h. seine Worte) mit lebendigem Wasser verglich, das in den Gläubigen zu einer Quelle wird, deren Wasser bis ins ewige Leben fließt (Joh 4,14).
Und da nehmen wir als Protagonisten dieser Auffassung gleich den ersten großen Theologen aus dem 2. Jh. her: Clemens von Alexandrien, den Rektor der ersten theologischen Ausbildungsstätte, mit seinem Bravour-Schüler Origenes. Clemens sagte, die Neuschöpfung findet nicht erst in der Taufe statt, sondern im vorausgehenden Taufunterricht, wenn der Katechumene den Glauben Stück für Stück lernt und dabei neue Erkenntnisse, ein neues Denken, neue Gefühle, eine neue Ethik mit einer neuen Lebensauffassung sich zu eigen macht. Dabei wächst in ihm ein neuer Geist. Die Taufe ist dann der feierliche Abschluss dieses Prozesses, in dem das Vorausgehende noch einmal symbolisch durchgespielt wird, verbunden mit der ersehnten Aufnahme in die Kirche.
Auch die Kirche hat im neuen römischen Rituale für die Taufe in den Rubriken gesagt:
Wenn ein Katechumene, also ein Taufanwärter noch während des Taufunterrichts stirbt, wird er wie alle Gläubigen kirchlich mit allen Ehren beerdigt, da er schon zum Hause Christi gehört. Den Ausdruck Kirche hat man hier noch vermieden, weil er im irdischen Sinn noch nicht volles Mitglied der Kirche sei.
Nun aber - wie war das denn bei uns? Die Kirche hat uns die Freiheit gegeben, die ursprüngliche, an sich einzig vernünftige Ordnung umzukehren. Wir wurden schon als Säuglinge zwangsgetauft, in der Hoffnung, dass gewisse Neuschöpfungs-Erlebnisse durch glückliche Fügungen dann später nachgeholt werden können - oder auch nicht!
Die Situation ist allerdings in Missionsländern eine ganz andere. Ich selbst war ja einige Jahre Kaplan und Pfarrer in einer großen Pfarrei in Südkorea. Wir hatten 80% Erwachsenen-Taufen, die alle einen dreimonatigen Taufunterricht absolviert hatten und dann an zwei Tauf-Terminen im Jahr getauft wurden (nämlich in der Osternacht und an Mariä Himmelfahrt), normalerweise 60 bis 80 Personen. Allerdings haben wir dafür keine so hochtrabende Bezeichnung wie der Apostel Paulus gebraucht, sondern wir sprachen einfach von einem Neuheits-Erlebnis und konnten an den Neugetauften längere Zeit einen Neulings Eifer erleben.
Als Seelsorger erlebt man auch hier bei uns immer wieder einmal, wie Gläubige ein Neuheits-Erlebnis haben, etwa wenn sie mit lebensgefährdender Krankheit oder nach einem schweren Autounfall im Krankenhaus lagen und dem Seelsorger sagten, sie hätten gemerkt, dass sie nun ein neues Leben anfangen müssen. -
Ich habe auch folgendes erlebt: Eines Tages rief mich der Pförtner ins Sprechzimmer, ein etwa 40jähriger Mann wolle ein Beichtgespräch. Als wir uns freundlich begrüßt hatten, sagte ich: „Jetzt reden Sie gerade so wie Ihnen der Schnabel gewachsen ist.“ Darauf er: „Als ich gerade oben auf der Autobahn beim Vorbeifahren die eindrucksvollen Türme der Abteikirche sah, da hat’s mich derpackt und ich hab mir g‘sagt: 10 Jahr nixmehr in der Kirch gwesen und nixmehr gebeicht, jetzt aber nei und einen Neuanfang gemacht.“
Er redet- fast eine halbe Stunde lang. Am Schluss als er sich verabschiedete sagte er: Ich fühle mich fast ein bisschen wie neu geboren. Und ich habe mir gedacht: Aha, ein Neuheits-Erlebnis und habe ihm gratuliert dazu.
Liebe Zuhörer, Sie sehen also: Neugeburt und Taufe ist kein einmaliges Geschehen, sondern ein andauernder Prozess. Man sollte nicht sagen „Ich wurde gleich nach meiner Geburt getauft“, sondern „Ich bin seit meiner Geburt getauft“, das soll heißen „Taufe und Neuwerden“ ist für mich eine dauernd neue Herausforderung. Das gilt vor allem in schweren Stunden, wenn wir fast verzweifeln möchten und gar fragen „Warum werde ich so von Gott bestraft?“ Unsere Antwort sollte dieselbe sein, wie auch Jesus gesagt hat:
„Mit einer Taufe muss ich getauft werden, und wie bin ich bedrängt, bis sie vollzogen ist“ (Luk 12,50).
So werden wir vorbereitet für die letzte und endgültige Neuschöpfung zum Übergang in eine andere, eine unvorstellbar andere Welt.
Amen