Produzentenbesuch aus Peru

Mit der Firma "Raymisa" aus Peru pflegt die Abtei Münsterschwarzach lange Beziehungen. Bereits vor Entstehung der klostereigenen Fair-Handel GmbH entstanden die Kontakte. Nun hat der Geschäftsführer Orlando Vasquez den Fair-Handel besucht und erzählt im Gespräch über die Anfänge der Partnerschaft und die derzeitige Lage in Peru.

Frage: Wie kam die Beziehung zwischen Münsterschwarzach und Raymisa zustande?

Orlando Vasquez: Das war in den 80er Jahren durch P. Fidelis Ruppert und Br. Joachim Witt. Das ist eine sehr schöne Geschichte, weil sie eigentlich auf einer Freundschaft basiert, die zwischen ihnen und meinem Vater vorher entstanden ist. P. Fidelis und Br. Joachim waren öfter in Peru und lernten dort auch die Kultur kennen. Ich glaube, das war auch für sie eine intensive Zeit. Sie sind viel in den Anden gereist und auch im Dschungel. Ich war damals im Schulalter, bin aber trotzdem bei ein paar Reisen dabei gewesen.

Frage: Sie sind also richtig damit groß geworden?

Orlando Vasquez: Ja, so kann man das sagen.

Frage: Sicher hat sich in den fast 40 Jahren auch einiges verändert…

Orlando Vasquez: In den 80ern hatten wir eine große Krise in Peru und einen Bürgerkrieg. Eine der schlimmsten Krisen überhaupt und es gab eine sehr hohe Inflationsrate. Damals hat mein Vater begonnen, mit Kunsthandwerkern in den Anden zu arbeiten und vor allem Krippen nach Deutschland zu importieren. Auch Textilien haben wir dann später hergestellt. Heute sind es tatsächlich mehr Textilien als Kunsthandwerk.

Frage: Also hat sich die Nachfrage nach fair gehandelter Kleidung geändert?

Orlando Vasquez: Auf jeden Fall. Aber Krippen sind schon auch noch nachgefragt. Damals natürlich noch mehr als heute. Br. Joachim hat das gut erkannt. Da gibt es ein schönes Foto von ihm mit Helmut Kohl, der ja öfter hier in Münsterschwarzach war und sich auch sehr für die Krippen interessiert hat.

Allerdings ist es derzeit wegen Corona problematisch mit der Produktion. Die Menschen verlassen die großen Städte und ziehen sich aufs Land oder in die Berge zurück. Das Land war im Chaos und wir konnten auch nicht mehr liefern.

Zu Besuch im Fair-Handel

Frage: Wie ist denn die Situation in Peru durch Corona insgesamt?

Orlando Vasquez: Sehr schwierig. Unser Gesundheitssystem ist komplett überlastet. Ich glaube, ich muss aber erst mal erklären, wie bei uns die Corona-Pandemie insgesamt ablief. Wir sind zeitlich immer etwas "hinterher". Gerade ist es so, dass erst jetzt wieder Intensivbetten frei werden. Aber im 2020 März hatten wir auch schon einen strikten Lockdown, da wurde auch alles dicht gemacht. Das Militär ist auf die Straße gegangen, um alles zu kontrollieren. Auch unsere Werkstätten mussten wir zeitweise schließen. Natürlich war das dann auch ein wirtschaftliches Problem.

Frage: Inwiefern?

Orlando Vasquez: Die Menschen hatten kein Geld mehr. Es gibt über 70% informelle Arbeit, also Schwarzarbeit, in Peru. Die Leute sind einfach nicht im System erfasst. Die Regierung hat versucht, da Hilfsgelder zu verteilen, aber insgesamt war es sehr chaotisch. Sie mussten das über die Banken machen – und dann haben sich tausende Menschen vor den Banken versammelt, wo sich natürlich auch wieder viele angesteckt haben.

Frage: Was die Gesamtsituation dann noch verschärft hat?

Orlando Vasquez: Genau. Wir hatten auch lange Zeit keinen Sauerstoff, die Menschen konnten nicht behandelt werden, selbst wenn sie einen Krankenhausplatz hatten. Viele Menschen sind gestorben. Vor einigen Monaten hieß es, dass wir 70.000 Tote hatten. Die Regierung musste das noch einmal korrigieren auf über 180.000. Das ist nur die offizielle Zahl. Ich glaube, dass es tatsächlich über 300.000 Tote sind. Es ist aber eben auch so, dass unser Gesundheitssystem keine Kapazitäten für anderes mehr hatte. Die Menschen konnten nicht mehr versorgt werden. Der Tod war und ist sehr nah. Jeder in Peru hat Verwandte und Freunde verloren.

Frage: Und das wahrscheinlich nicht allein durch Corona?

Orlando Vasquez: Ja. Der Sohn eines Bekannten hatte ein Aneurysma, was nicht behandelt wurde. Er hat Paracetamol verschrieben bekommen. Nach einer Woche wurde es schlimmer und er ist in die Notaufnahme. Die war voll, er musste zehn Stunden warten, dass ein Krankenwagen kommt und ihn in ein anderes Krankenhaus bringt. In der Zeit ist er gestorben. Aber es gibt auch ganz andere Ursachen, warum die Versorgung nicht funktioniert. Meine Tante hatte einen schweren Verlauf und es gab keine freien Intensivbetten, nur in einer Privatklinik. Da haben zwei Wochen 40.000 Dollar gekostet. Sehr viele Menschen mussten sich verschulden, ihre Häuser verkaufen, damit sie sich die medizinische Versorgung leisten konnten, um nicht zu sterben.

Frage: Wie sind Sie in dieser Situation mit ihren Produzenten umgegangen?

Orlando Vasquez: Wie haben erst mal alle kontaktiert um nachzuhören, wie es ihnen geht und was sie brauchen. Dann haben wir, auch mit der Hilfe aus Münsterschwarzach, Lebensmittelpakete und Erste-Hilfe-Kästen verteilt. Auch Masken natürlich. Wir mussten aber auch viel Aufklärungsarbeit leisten. Gerade auf dem Land sind viele Geschichten entstanden. Von der kompletten Leugnung von Corona bis hin zu Wundermitteln. Das war einfach nur Chlorwasser. Das wurde sogar in anderen Ländern, in Bolivien zum Beispiel, offiziell anerkannt und von Ärzten verschrieben.

Frage: Woher kommen solche Annahmen bei den Menschen?

Orlando Vasquez: Ich glaube durch Angst. Angst ist aber ein schlechter Ratgeber. Unsere Aufgabe war dann, den Leuten zu erklären, dass das eben nicht stimmt. Und gleichzeitig zu zeigen, wo sie wirklich achtgeben und aufpassen müssen. Wir waren auch immer die erste Anlaufstelle für die Kunsthandwerkerfamilien, bei Fragen, bei Hilferufen. Wir haben sogar Sauerstoff gekauft. Uns war es immer auch wichtig, dass die Leute ihre Arbeit behalten konnten und ihre Gehalt bekommen haben. Anfangs haben die Produzenten aus dem Textilbereich auch Masken genäht.

P. Fidelis Ruppert in Peru

Peru

Frage: Wie ist es mit den Impfungen in Peru?

Orlando Vasquez: Peru hat am Anfang einen Deal mit China gemacht und hat dort die Impfungen bestellt. Allerdings kam dann heraus, dass der Präsident und seine Minister mit ihren Angehörigen bereits im November geimpft wurden. Auch andere Leute, Medienschaffende oder für die Politik wichtige Leute. Sie haben das las "Probeimpfungen", als Experiment deklariert. Die Verträge für die anderen Impfstoffe kamen erst Ende des Jahres. Mittlerweile wird in Peru auch mit Biontech und Astra Zeneca geimpft. Derzeit ist man bei der Impfung der 40-Jährigen.

Frage: Also gibt es auch Priorisierungsstufen?

Orlando Vasquez: Genau, die gibt es. Nach Alter, Krankheit, Beruf. Allerdings ist es in Peru geographisch eine Herausforderung, die Menschen zu erreichen. Es gibt Gegenden, da kann man nur hinfliegen oder muss zwei Tage mit dem Boot hin.

Frage: Wie ist die Impfbereitschaft in Peru?

Orlando Vasquez: Anfangs waren die Menschen zögerlich. Aber mittlerweile ist sie sehr hoch. Einfach, weil jeder irgendwie durch Corona betroffen war, Freunde oder Verwandte verloren hat. Peru hatte die höchste Sterblichkeitsrate weltweit.

Frage: Weil die Leute eben nicht versorgt werden konnten …

Orlando Vasquez: Ja, und weil auch Profit daraus geschlagen wurde. Die Grundproblematik des Gesundheitssystems hat sich durch Corona verstärkt und verschlimmert. Insgesamt ist die politische Situation in Peru sehr chaotisch. Das ist eigentlich eine eigene Geschichte. Mafiöse Strukturen, Übergangspräsidenten, Neuwahlen. Erst jetzt wurde der Wahlsieger anerkannt, obwohl die Wahl mehrere Monate zurückliegt. Jetzt beginnt politisch für Peru ein neues Kapitel.

Frage: In welche Richtung geht das Ihrer Meinung nach?

Orlando Vasquez: Die jetzige Regierung ist sehr linksradikal. Sie wollen die Verfassung ändern und haben einige Ansätze, bei denen man befürchtet, dass sich die Zustände verschlimmern. Wir wissen aber eigentlich gar nichts. Problematisch ist auch, dass die Wahl sehr knapp war. Also haben wir in Peru fast 50 Prozent, die gegen diesen Präsidenten und diese Regierung sind.

Frage: Also sind Aufstände eher vorprogrammiert?

Orlando Vasquez: Sicher. Und dass er sich wahrscheinlich nicht lange als Präsident halten kann. Es bleibt spannend in Peru.

Frage: Was sind Ihre Hoffnungen für Peru?

Orlando Vasquez: Ich glaube jeder hofft auf klare Regeln und Strukturen in der Politik. Es werden schwierige Zeiten für uns. Es beginnt jetzt ein Machtkampf. Auch innerhalb der Gesellschaft. Was ich mir wünschen würde, ist, dass man diese Krise auch als Anfangspunkt für etwas Neues nehmen könnte. Dass man daraus lernt. Wir haben jetzt erleben müssen, was passiert, wenn man ein schlechtes Gesundheitssystem hat. Wenn es 70 Prozent Schwarzarbeit gibt. Das kann nicht gut gehen. Die Krise als Chance zu sehen und nicht die gleichen Fehler wieder zu machen. Peru hat schon viele Krisen überwältigt, ich bin da zuversichtlich für die Zukunft.

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