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Herführung zum Heil

Predigt von Br. Jakobus Geiger OSB zur Ewigen Profess von P. Frank Möhler OSB in der Abteikirche

zu Lk. 19.1ff

Lieber Pater Frank, liebe Mitbrüder, liebe Festgemeinde,

heute ist diesem Hause Heil widerfahren. Das ist der Zielsatz dieser Erzählung im heutigen Evangelium. Es ist eine Heilsgeschichte. Es geht um das Heil, das dieser Zachäus in der Begegnung mit Jesus gefunden hat.
Diese Geschichte ist eine HERFÜHRUNG zum Heil. Sie haben recht gehört, eine „Herführung".

Nun werden sich manche fragen, warum sagt er „Herführung zum Heil" und nicht „Hinführung". Eigentlich heißt das doch Hinführung.

Die Worte hin und her geben Richtungen an. „Her" meint ja die Richtung zum Hier, dahin, wo man selbst ist, also zu sich selbst. Komm her; komm hierher zu mir.
Dagegen meint „hin" die Richtung von einem fort, zu einem Ort, wo ein anderer oder etwas anderes ist.
Eine Herführung würde also bedeuten, dass man, von wo aus auch immer, dahin geführt würde, wo man ohnehin schon ist, zu sich selbst.

Das Heil findet sich nicht dort, sondern hier, wo ich bin: in mir.
„Das Reich Gottes ist in uns", sagt das Evangelium.

Es ist etwas Eigenartiges, eigentlich können wir nicht von uns weg gehen. Aber irgendwie erleben wir es immer wieder, dass wir von uns weggegangen sind, für Stunden und Tage. Ja, manche Menschen scheinen sich selbst verloren zu haben. Sie sind nicht mehr bei sich, sie spüren sich nicht mehr.

Es ist eine eigenartige Dynamik im Menschen, dass er im Außen, weg von sich, dort wo er gerade nicht ist, das Glück, die Erfüllung, das Heil sucht, erhofft und begehrt.
Lassen Sie mich das etwas verdeutlichen.

Welcher junge Mensch ersehnt sich nicht den Besitz eines Autos oder Motorrades, einer eigenen Wohnung? Das ist für ihn der Inbegriff von Freiheit, Selbständigkeit, Autonomie, von Status.
Wenn er es dann endlich erreicht hat, dann erfreut er sich daran. Aber sein Glück dauert meist nicht sehr lange und schon bald hält er Ausschau nach etwas anderem: Ein größeres Auto, ein schnelleres, ein schöneres. Und hat er es, so währt auch dieses Glück nicht sehr lange und die Suche nach einem anderen Glück beginnt. Er beginnt sich nach etwas anderem umzuschauen und begehrt etwas Neues.

Nun sind wir im Kloster von solchen materiellen Dingen und Glücksbringern relativ abgeschnitten. Aber ein neues Büro oder eine größere Zelle mag auch für manchen Mitbruder eine Faszination ausüben und wir freuen uns daran, wenn wir eine solche Veränderung erleben.
Aber allermeist entfaltet diese Dynamik der Heils- und Glückssuche im Außen bei Mönchen andere Ausformungen. In jungen Jahren fragt man sich, ob vielleicht nicht eine andere Gemeinschaft, andere Mitbrüder, eine andere Spiritualität, ein anderes Kloster einen heiler, glücklicher werden lassen.
Später ist es vielleicht die Suche im Bereich der Bildung und Außenkontakte. Die Überlegung, doch noch eine andere Ausbildung zu beginnen, ein weiteres Studium anzuschließen, einen bestimmten Kurs zu besuchen, eine andere Aufgabe anzustreben. Oder ob nicht vielleicht doch eine Beziehung, gebildete Freunde draußen das Glück ermöglichen könnten.
Dann gibt es die Suche nach geistlichen Erfahrungen, nach besonderen Fähigkeiten, nach mystischer Erkenntnis.
Aber auch hier ist es allermeist so, dass, wenn man es erreicht hat, das Glück nur kurz dauert und dann beginnt die Suche, das Ausschauhalten und Begehren von etwas Anderem von neuem.

Verstehen Sie mich recht, es geht nicht darum, dass Bildung, Beziehungen, geistliche Erfahrungen schlecht sind. Wir benötigen sie, aber das Heil findet sich meist an anderer Stelle.

Wir hoffen im Außen das zu finden, was wir im eigenen Innen letztlich immer schon haben und sind. Wir wollen etwas haben und finden den Frieden doch nur im eigenen inneren Sein, in unserer Seele.
Und so steigen wir auf einen Baum und halten Ausschau, ob da nicht etwas Interessanteres vorbeikommt und sich finden lässt.

Jesus sagt im Evangelium: „Zachäus steig schnell herab, heute muss ich bei dir einkehren". Jesus Christus, der Heilbringer, der Heiland, will bei ihm einkehren.
Aber wie geschieht dieses Heilwerden des Zachäus?
Wir können dieses Evangelium einmal unter folgendem Aspekt betrachten. Wie schauen die verschiedenen Personen und Gruppen in dieser Geschichte aufeinander? Blicke können ja ganz verschieden sein: sie können neugierig sein, sie können liebend sein, sie können bewertend und verurteilend sein. Blicke können töten.
Wie schaut Jesus auf Zachäus? Wie schauen die Leute auf Zachäus und auf Jesus? Und wie schaut Zachäus aus seinem erhöhten Sitz im Baum?
Jesu Blick auf diesen Zachäus lässt ihn ganz zu sich kommen. Der Heiland schaut ihn in seinem tiefsten Wesen akzeptierend an. Im Gegensatz zu den Pharisäern und den Leuten, die in Zachäus nur den raffgierigen und reichen Zöllner sehen. Und weil er sich im Tiefsten durch Jesus gesehen und erkannt sieht, kommt er zu sich selbst, kommt er bei sich selbst an.
Das Haus ist in der Traumdeutung oft ein Symbol für einen selbst. Jesus sagt: Heute muss ich in deinem Hause einkehren. Darin erfährt er Heilwerden, Heilsein, Heil. Und das verändert ihn: Er wird ganz lebendig und großzügig, will in Ordnung bringen, was bei ihm und im Umfeld nicht in Ordnung ist.

„Profess machen" bedeutet zu versprechen, sich von Jesus Christus immer wieder neu zum Heil herführen zu lassen und zu wissen, dass es die Versuchung des Ausschauhaltens nach äußeren Heils- und Glücksbringern im Habenwollen gibt. Zu wissen, dass innen im Sein das Eigentliche, das Wesentliche, das Heilbringende, zu suchen ist und auch zu finden ist, trotz aller Versuchungen, es vielleicht doch im Außen und im Habenwollen zu suchen.

Dies gilt für Dich, Pater Frank, aber auch für jeden Einzelnen von uns, denn wir alle sind versucht, im Habenwollen und im Außen das Glück zu suchen und uns doch auch zu verlieren.

Zum Schluss noch ein Wort, das dem Sufimystiker Rumi zugeschrieben wird:

Ich habe die ganze Welt auf der Suche nach Gott
(wir könnten auch sagen nach dem Heil)
durchwandert und ihn nirgendwo gefunden.
Als ich wieder nach Hause kam, sah ich ihn an der Tür meines Herzens stehen und er sprach:
„Hier warte ich auf dich seit Ewigkeiten".
Da bin ich mit ihm ins Haus gegangen.
(Rumi)

Br. Jakobus Geiger OSB

 

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